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12.09.2019, 07:35 Uhr
Kliniken in Altenkirchen und Hachenburg: Ist eine Fusion die Lösung?
20. „Forum ländlicher Raum“ zur Krankenhaus-Zukunft in der Region
Altenkirchen. – Ein mit großartiger Expertise besetztes Podium beim 20. „Forum ländlicher Raum“ diskutierte mit sehr vielen interessierten Bürgern die Entwicklung der medizinischen Versorgung in der Region Altenkirchen. Die Patienten erwarten eine gute ambulante und stationäre Vernetzung, vertretbare Wege und fachliche Spezialisierung. Die geplante 120-Mio-Investition in ein neues Krankenhaus macht aber nur Sinn, wenn durch Größe und Angebotsstruktur wirtschaftlich die nächsten 30 Jahre eine „schwarze Null“ erreicht werden kann und diese neue Klinik medizinisch und pflegerisch eine exzellente Qualität bietet.
Erwin Rüddel, der als Experte seiner Fraktion dem Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages in Berlin vorsitzt, brachte das grundlegende Dilemma auf den Punkt: „Viele wollen ein Krankenhaus, das um die Ecke liegt - und trotzdem alles kann.“ Das sei indessen ein Widerspruch in sich, wie Rüddel am Beispiel der Hüft-OP seines 94jährigen Vaters verdeutlichte: „Er ist lieber zu den Spezialisten nach Bonn gegangen, wo 1000 Hüften pro Jahr gemacht werden, statt in ein benachbartes Krankenhaus, welches diese Operation höchstens 45 mal im Jahr durchführt.“

Heinz Decker, der Geschäftsführer der DRK-Trägergesellschaft Süd-West, die beide Kliniken betreibt, gab zu verstehen, dass die Tage des Verbundkrankenhauses Altenkirchen-Hachenburg in der bisherigen Form gezählt sind. Die Zusammenführung zu einer Einheit scheint aus Sicht des DRK so gut wie beschlossene Sache. Schon Ende des Jahres könnte mit der Planung des Projekts begonnen werden. Grundlage werde das Gutachten des Institutes für betriebswirtschaftliche und berufsorientierte Beratung (BAB) in Bremen sein, das sich derzeit mit der Analyse der Situation und möglichen Lösungsvorschlägen beschäftige. Das Ergebnis solle noch im September vorgestellt werden. Decker sprach von einer Größenordnung von 300 Betten.

Im Zentrum stehen Wirtschaftlichkeit und Qualität der Versorgung

Für den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Dr. Peter Heinz, greift sogar eine mögliche Zusammenlegung der Kliniken in Altenkirchen und Hachenburg an einem gemeinsamen Standort zu kurz; er stellte stattdessen den Gedanken in den Raum, gleich fünf Krankenhäuser im Westerwald zu einer großen Klinik zusammenzufassen. Entscheidend sei eine wirkliche Qualitätssteigerung in Behandlung und Versorgung, und die gebe es nur, wenn genügend hochqualifizierte Ärzte und Pflegekräfte vor Ort seien.

Dem setzte Heinz Decker mit Blick auf die Kliniken in Kirchen und Asbach entgegen, diese lägen zu weit ab; die Patienten würden dann eher nach Bonn, Neuwied oder Siegen gehen. Entscheidend sei, dass in Altenkirchen und Hachenburg die Personal-, Sach- und auch die Investitionskosten aus dem Ruder liefen; beide Häuser stünden schon seit einiger Zeit mit jeweils rund einer Million Euro pro Jahr im Defizit. Sowohl für Altenkirchen als auch für Hachenburg gelte: „Wir haben eine gute Qualität.“ Aber es gebe einen drückenden Personalmangel, weshalb „wir keine zwei Standorte mit Angestellten voll besetzen können“. So würden in Altenkirchen wegen fehlender Anästhesiefachärzte nur zwei von vier OP-Sälen betrieben. Das DRK habe das Ziel, die künftige, neue Klinik als akademisches Lehrkrankenhaus zu betreiben, um so hochqualifiziertes Fachpersonal zu gewinnen und langfristig zu binden.

Eine deutliche Warnung kam von Heike Kunz, der Vorsitzenden des Betriebsrates in Hachenburg. Sie erklärte: „Wie es jetzt ist, bedeutet das, dass beide Krankenhäuser kaputt gehen. Wir sehen eine Ein-Haus-Lösung als Chance.“ Decker ergänzte dies mit dem Hinweis, dass für dauerhaft defizitäre Häuser durchaus die Gefahr einer Insolvenz bestehe.

Jutta Bartmann, die Geschäftsleiterin der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, legte in ihrer Stellungnahme Wert auf die Feststellung, dass eine Zusammenlegung beider Häuser nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus Qualitätsgründen dringend geboten sei.

Auf Widerspruch im Publikum stieß das Plädoyer von Dr. Peter Heinz, der für „integrierte Gesundheitszentren“ im weiten Umfeld eines großen Krankenhauses warb. Dabei gehe es um Mittelpunkte mit Haus- und gegebenenfalls Fachärzten und angegliederter stationärer Einrichtung für eine Verweildauer von bis zu drei Tagen. Es müssten neue Strukturen her, und es solle möglichst kein Geld mehr in die alten versenkt werden. Im Publikum weckte das die Sorge vor einem weitgehenden Kahlschlag unter den Kliniken in der Region.

Versäumnisse auf überregionaler Ebene

Landrat Dr. Peter Enders wies auf „zwei Jahre Leerlauf beim Landeskrankenhausplan“ hin. Der Landeskrankenhausplan sei 2016 ausgelaufen, 2018 neu aufgelegt und schließlich erst in diesem Jahr in Kraft getreten. „All die Dinge, die jetzt anstehen, hätte man in ihm definieren können.“ Man dürfe auch nicht nur Altenkirchen und Hachenburg betrachten, sondern müsse beispielsweise Dierdorf und Selters mit einbeziehen.

Dr. Enders erinnerte ferner daran, dass es die gegenwärtige Diskussion schon einmal, nämlich 2014, gegeben habe. Damals sei sein Vorschlag gewesen, die Fachabteilungen an beiden Standorten zu optimieren, was der Träger DRK indes verworfen habe. Wenn sich die Probleme inzwischen aus Sicht des DRK entsprechend verschärft hätten, dann sei dem Rechnung zu tragen. Enders betonte, dass es ihm um die bestmögliche Versorgung der heimischen Bevölkerung gehe, und er zeigte sich „zuversichtlich, dass wir ein gutes Krankenhaus hinbekommen, das auch ausfinanziert sein wird“. Trotzdem stelle sich die Frage, ob wirklich jedes Krankenhaus auch jede Abteilung benötige.

Jutta Bartmann von der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland bekräftigte, der gegenwärtige Zustand sei „keine Lösung für die Zukunft“. Im Zentrum müsse die Qualität der Behandlung stehen. Ambulante und stationäre Versorgung müssten gemeinsam geplant werden.

Das Konzept muss stimmen!

Diesen Ansatz stellte auch Erwin Rüddel in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Im Raum stünden Investitionen in Höhe von rund 120 Millionen Euro. „Bei dieser Summe darf es keinen Schnellschuss geben“, forderte der Bundestagsabgeordnete und mahnte eine wirklich durchdachte Vorgehensweise an. „Statt einer 120 Millionen-Investition kann man auch 60 Jahre das jetzige Defizit finanzieren. Deshalb muss, was auch immer neu entsteht, an dieser Summe gemessen werden“, gab Rüddel zu bedenken.

Entscheidend seien die künftigen Strukturen; das Konzept müsse stimmen. „In den Neubau muss deshalb der Aspekt der ambulanten Versorgung unbedingt mit einfließen“, machte er deutlich. Zu einer sinnvollen Planung gehöre auch die künftige Perspektive der DRK-Häuser in Kirchen und Asbach, die aktuell in den Fusionsüberlegungen noch keine Rolle spielten.

Das DRK als Träger wird die anstehenden Fragen nicht allein entscheiden. Das Land hat die Planungshoheit über die Krankenhausstandorte, und die Gremien der beiden bestehenden Häuser sowie die beteiligten Kommunen müssen selbstverständlich bei dem Projekt einbezogen werden.

Vordringlich ist nach Rüddels Worten eine aktive, kompetente Krankenhausplanung durch das Land – in engster Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung und unter Beteiligung der Krankenkassen. Dabei müsse von Beginn an sektorenübergreifend gedacht werden, um die stationäre und die ambulante Versorgung optimal zu verzahnen.

Während in Ballungszentren durchaus die Anzahl der Krankenhäuser reduziert werden könne, seien in ländlichen Regionen eher auch kleine Krankenhäuser zu erhalten und durch Vernetzung von Kompetenzen, Digitalisierung und Spezialisierung eine gute Versorgungsqualität sicherzustellen.

„Aus zwei kranken Krankenhäusern wird nicht automatisch ein gesundes. Entscheidend ist und bleibt, dass das Land voll umfänglich und dauerhaft seinen Finanzierungsverpflichtungen nachkommt“, betonte Erwin Rüddel. Und er fügte hinzu: „Wir haben im Bund einen Strukturfonds geschaffen, der genau solche Krankenhausreformen unterstützen soll. Wenn die Planungen konkret werden, werde ich mich deshalb mit Nachdruck dafür einsetzen, dass dieses Projekt über den Strukturfonds gefördert wird.“

Fazit

Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass die vom heimischen Bundestagsabgeordneten initiierte Veranstaltung einen Nerv getroffen hat – denn angesichts einer Flut von Nachrichten aus unserem Bundesland Rheinland-Pfalz über Pleiten, Schließungen von Krankenstationen, Ärzte- und Pflegemangel und Millionendefiziten an immer mehr Standorten machen sich die Menschen in der Region mit gutem Grund Sorgen um ihre künftige Gesundheitsversorgung.

„Wir benötigen dringend eine kohärente Planung, um weiterhin auf hohem Qualitätsniveau eine flächendeckende ambulante und stationäre Versorgung sicherzustellen. Neben der generellen Erreichbarkeit kommt es dabei auch auf die Notfallrettung und die stationäre Grundversorgung an“, resümierte Erwin Rüddel.


Im Bild: Diskutierten gemeinsam in Altenkirchen (von links): Heinz Decker, Jutta Bartmann, Erwin Rüddel MdB, Dr. Peter Enders, Dr. Peter Heinz

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